Vie­le Fä­den in der Hand hal­ten

von Projektredaktion | 31. Okt. 2015 | Kommentare deaktiviert für Vie­le Fä­den in der Hand hal­ten

Von Julia Naue und Kristin Kruthaup, dpa 31. Oktober 2015

Industriekaufleute gibt es in den verschiedensten Branchen – Sie sind oft Dreh- und Angelpunkt eines Unternehmens

Zum Beispiel bei der Deutschen Bahn: Von der Buchhaltung über das Personal bis zum Wareneinkauf wird die angehende Industriekauffrau Patricia-Julia Pawlak hier mit ganz unterschiedlichen Aufgabenbereichen vertraut gemacht. Ihr gefällt diese Vielseitigkeit. FOTO: KLAUS-DIETMAR GABBERT/DPA

Zum Beispiel bei der Deutschen Bahn: Von der Buchhaltung über das Personal bis zum Wareneinkauf wird die angehende Industriekauffrau Patricia-Julia Pawlak hier mit ganz unterschiedlichen Aufgabenbereichen vertraut gemacht. Ihr gefällt diese Vielseitigkeit. FOTO: KLAUS-DIETMAR GABBERT/DPA

Planen. Steuern. Kontrollieren. „Das habe ich schon immer gern gemacht“, sagt Patricia-Julia Pawlak. Die 26-Jährige beschreibt sich als „kleine Organisationskönigin“. Und dieses Talent lebt sie in ihrem Beruf aus. Seit zwei Jahren macht Pawlak eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei der Deutschen Bahn. Was einige möglicherweise für einen trockenen Job halten, ist Pawlaks Traumberuf.

Industriekaufmann beziehungsweise Industriekauffrau gehört zu den meistgewählten Ausbildungsberufen in Deutschland. Mit 18 951 Neuanfängern im Jahr 2013 liegt er laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) auf Platz fünf. Mehr Anfänger gibt es nur bei den Einzelhandelskaufleuten, den Verkäufern, Kfz-Mechatronikern und Bürokaufleuten. „Das liegt auch daran, dass die Fachleute in vielen Branchen im Einsatz sind“, sagt Gabriele Jordanski, Expertin für das Thema beim BIBB. Sie sind in der Automobilbranche genauso zu finden wie in der Lebensmittelindustrie oder der Metallverarbeitung.

Dabei übernehmen sie eine Vielzahl von Aufgaben. Sie kümmern sich um den Wareneinkauf. Sie holen Angebote ein, machen die Bestellungen, wickeln die Lieferung ab und sorgen dafür, dass die Lager gefüllt sind. Ein anderer Schwerpunkt der Arbeit ist der Bereich Buchhaltung. Des Weiteren gehört der Personalbereich zu ihrem Aufgabengebiet. Auch die Lohn- und Gehaltsabrechnungen können Bestandteil des Jobs sein. Je nach Branche eignet man sich außerdem spezifische Kenntnisse an.

Jugendliche sollten sich klarmachen, dass sie in diesem Beruf häufig viel Verantwortung tragen. Industriekaufleute sind eine Art Dreh- und Angelpunkt im Unternehmen und halten viele Fäden in der Hand, sagt Jordanski. „Man muss ganz schön viel im Blick haben und mit verschiedenen Abteilungen kommunizieren.“ Pawlak hat vor der Ausbildung lange Zeit gejobbt und konnte so eine Vorstellung vom Beruf bekommen. „Ich wusste, worauf ich mich einlasse und dass ich das will.“

Die meisten haben Abitur oder einen mittleren Bildungsabschluss

Wer die dreijährige Ausbildung zum Industriekaufmann machen will, braucht keinen bestimmten Schulabschluss. 2013 hatten von den Neuanfängern bei den Auszubildenden in der Industrie zwei Drittel (66 Prozent) Abitur, fast ein Drittel (31 Prozent) den mittleren Bildungsabschluss und der Rest einen Hauptschulabschluss oder gar keinen Abschluss. Pawlak hat einen Realschulabschluss. An den Tag, als sie die Zusage von der Deutschen Bahn bekam, kann sie sich noch genau erinnern. „Das war Gründonnerstag“, erzählt sie. „Ich hab mich unendlich gefreut.“

Personaler achten bei den Zeugnissen auf gute Noten in Mathe, Deutsch und, wenn es das Fach an der Schule gab, in Wirtschaft. Je nach Einsatzgebiet und Branche werden auch gute Englischkenntnisse gebraucht, erklärt Jordanski. Im Betrieb durchlaufen die Jugendlichen alle Abteilungen, in denen sie später arbeiten können. Dann spezialisieren sie sich etwa auf Marketing, Vertrieb, Logistik oder Personalwirtschaft. „Dafür schlägt mein Herz“, erzählt Pawlak. Während ihrer Ausbildung hat sie den Einstellungsprozess der neuen Azubis von Anfang bis Ende betreut.

In der Berufsschule stehen Themen wie Jahresabschluss oder Personalwirtschaft auf dem Stundenplan. Wollen Jugendliche den Beruf ergreifen, sollten sie kommunikationsfreudig sein. Die Jugendlichen starten laut Bundesarbeitsagentur im ersten Lehrjahr mit einer Vergütung von rund 830 Euro. Das gilt zumindest dann, wenn sie, wie häufig in der Industrie, nach Tarif bezahlt werden. Ist das nicht der Fall, wie im Handwerk, kann es auch deutlich weniger sein. Das Einstiegsgehalt liegt bei etwa 1800 Euro. Die Chancen auf Übernahme nach der Ausbildung sind derzeit gut, sagt Paul Ebsen, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit. Auch Pawlak wird nach der Ausbildung bei der Deutschen Bahn bleiben können – in ihrem Lieblingsbereich, der Personalbetreuung.

Immer schauen, dass es nicht zu teuer wird

Wenn man Pawlak nach den Nachteilen ihres Jobs fragt, fallen ihr im ersten Moment keine ein. Nach kurzem Zögern sagt sie: „Na ja, es ist natürlich nicht immer der kreativste Beruf der Welt.“ Manchmal müsse sie die Spaßbremse spielen, denn schließlich gilt es immer, die Kosten im Blick zu behalten. „Da muss man anderen schon mal auf die Finger klopfen, wenn es zu teuer wird.“

Wer sich nach der Ausbildung weiterqualifizieren will, kann eine Aufstiegsweiterbildung zum Industriefachwirt machen, sagt Jordanski. Wer die Hochschulzugangsberechtigung hat, kann einen Bachelor zum Beispiel in Wirtschaft in Betracht ziehen. Diese Chancen schätzt auch Pawlak ganz besonders. „Man sagt immer, Industriekaufleute haben das Fundament des BWL-Studiums“, sagt sie. Auch sie überlegt, irgendwann an einer Fachhochschule noch ein solches Studium mit dem Schwerpunkt Dienstleistungsmanagement dranzuhängen.

Von ihrer bisherigen Ausbildung ist ihr vor allem eine Sache in Erinnerung geblieben: In einem Geschäftsfeld bekamen die Azubis die Unternehmenskleidung erst nach einigen Tagen. Das fiel Pawlak auf. „Das ist schade, da fühlt man sich gar nicht direkt zugehörig.“ Da dachte sie sich, man müsse was unternehmen und erreichte eine Änderung. Sie sagt: „Das ist mein eigenes kleines Baby.“

Berufsbild Industriekaufmann/-frau beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) im Internet unter http://dpaq.de/hKKqq

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